Von Feinripp bis Schlüpfer

Von Feinripp bis Schlüpfer

Plakat_Auf_nackter_Haut_Mann

Wie wagt man einen näheren Blick auf Unterhosen ohne gleich indiskret zu werden? In Stuttgart läuft bis zum 31. Januar 2016 die Wäsche-Ausstellung „Auf nackter Haut – Leib. Wäsche. Träume.“ Mir flatterte dazu eine Mail ins Postfach, in der es zur ausgestellten Wäsche heißt: „Interessant sind sie für jeden, der Klamotten für mehr, als ein bloßes Stück Stoff hält. Solche Menschen willst Du wahrscheinlich in Deinem Blog ansprechen und wir eben mit unserer Ausstellung.“ Die Exponate wollen weniger den lustvollen Blick auf Reizwäsche liefern, sondern Erkenntnis mit dem Blick auf etwas Verborgenes ermöglichen. Was waren das für Menschen, die vor hundert Jahren in groben Leinenunterhosen steckten? Und was trug der Arbeiter im Gegensatz zum Unternehmer – der Mann im Gegensatz zur Frau? Die Ausstellungsmacher nehmen ihre Besucher mit auf eine reizvolle Reise in die gesellschaftlichen Zusammenhänge, Gestern und Heute.

„Auf nackter Haut – Leib. Wäsche. Träume“ vom 22. Mai 2015 bis 31. Januar 2016. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart. Dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Erwachsene 3 Euro (ermäßigt 1,50 Euro), Kinder und Schüler frei. Weitere Infos auf der Website „Auf nackter Haut“.

Monokini-1968

Die berühmten Monokinis der 1960er und 1970er Jahre. Hier zeigt sich die Bikini-Variation mit eingearbeiteten Kunststoffringen im Vorderteil. Das ganze in Quietschgelb.

Benger-Bikini; Synthetik, Plastik; 1968, Haus der Geschichte Baden-Württemberg /Noshe

Waesche_Vorkrieg_Nachkrieg

Blick in die Wäsche-Ausstellung „Auf nackter Haut“ in Stuttgart.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Sacha Dauphin

Waesche_1920-1939
Wäsche und Miederwaren der 1920er und 1930er Jahre. Damals zeigten sich Damen im Spitzenjumpsuit.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Sacha Dauphin
Badeanzüge_1930-er
In den 1930er Jahren badeten Damen teils noch in Strick. Badeanzüge der 1930er Jahre.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Sacha Dauphin
Waesche_1950-1969
So legte sich die Dame des Hauses in den 1950er und 1960er Jahren zu Bett. Nachthemden, im Hintergrund Miederwaren.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Sacha Dauphin
 Bademode_1972-1990
Beim Baden will frau gesehen werden, deswegen schrill-bunt: Badeanzüge und Bikini aus den Jahren 1972 bis 1990
Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Sacha Dauphin
Caitlyn Jenner auf der Vanity Fair

Caitlyn Jenner auf der Vanity Fair

 

Heute ist Spielzeugtag im Kindergarten. Meine Tochter hat ihr kleines Kuschel-Monster, den Grüffelo als Begleiter gewählt. Sie ist zum großen Teil mit Jungen in ihrer Gruppe befreundet. Und weil Jungs nur Jungen-Sachen gut finden, dürfen weder Barbie noch Feenpuppe Mia mit in den Kindergarten gehen. Zumindest haben die besten Freunde meiner Tochter ihr zuliebe zugegeben, dass sie die Farbe Rosa ein kleines bisschen gut finden. Es tut mir leid, dass niemand die Leidenschaften meiner Tochter teilt. Zwischen dem was wir als weiblich und als männlich bezeichnen gibt es so viele Schattierungen, die wir leider bewusst zu vermeiden versuchen. Niemand wird zur Frau, nur weil er Pink und Glitzer liebt. Doch was wäre eigentlich so schlimm daran, nicht ganz und gar zu einer Seite zu gehören? Brauchen wir für unsere Identität eine klar umrissene Zugehörigkeit?

Anscheinend ja, denn sonst würden nicht so viele über ihr Leben im falschen Körper klagen. Schwer nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt. Es muss eine ungeheure Erleichterung sein, was Bruce Jenner jetzt getan hat: Der Olympiagewinner bekennt sich öffentlich zum Dasein als Frau: Bruce ist Caitlyn. Äußerlich vollzog sie damit einen Wandel von einem Extrem zum anderen. Annie Leibowitz fotografierte Caitlyn Jenner fürs Cover der Vanity Fair im Juli 2015. Dazu erscheint ein großer Leitartikel, der inhaltlich bereits auf der Website der Zeitschrift vorgestellt wird. Was darin deutlich wird: Es war ein langer Weg, den Caitlyn gegangen ist. Nach Sportlerkarriere, drei Ehen, sechs Kindern und einem Leben das via TV zum großen Teil in der Öffentlichkeit stattfand, dachten alle, den Menschen dahinter zu kennen. Neben der Zeit ihres olympischen Erfolges waren die Wochen nach dem Bekanntwerden ihrer eigentlichen Geschlchterrolle die besten ihres Lebens. Zum Fototermin mit Anniee Leibowitz sagt Caitlyn: „This shoot was about my life and who I am as a person.“ Egal ob Muskeln oder Higheels – wahrscheinlich war Caitlyn schon immer da. Denn merke: niemand wird zum Mann nur weil er ein Sixpack hat.

Foto: Annie Leibowitz / Caitlyn Jenner für Vanity Fair, Cover im Juli 2015

Fashionfilm „The Wedding“

Der Fashionfilm ist mittlerweile eine Gattung für sich und zeigt im Bewegtbild, was bisher nur als Foto wirken musste. Das kann bereichern – tut es nur nicht immer. Es gibt Bilder, die ihre Spannung dadurch erzeugen, dass der Betrachter weder weiß, was vorher passiert, noch was danach kommt. Sie erzählen einen Bruchteil einer Geschichte und überlassen alles weitere der Vorstellungskraft. Beim Fashionfilm „The Wedding“ sollte dies auch so sein, doch das gemeinsame Warten mit der Braut auf ihren Göttergatten wird auf Dauer ein bisschen langweilig. In dem Moment, in dem Abbey Lee als Frischvermählte den Dolch gegen die Hochzeitstorte hebt, wünsche ich mir nichts sehnlicheres, als dass sie kräftig zustößt. Ich will die Sahne fliegen sehen. Stattdessen schleckt die Braut am Messer, schnappt brav an den dargebotenen Trauben und macht im barock-üppigem Ambiente weiterhin ein Schmollmündchen. Bei Ellen von Unwerth sind wir böseres gewohnt. Wollte sie mit dem Film an den Softporno der 1980er erinnern? Das funktioniert visuell – und leider auch auf der dramatischen Ebene. Die Drehbücher genannter Filme hatten ähnlich viel Inhalt.

 

Glückwunsch Pippi Lotta

Glückwunsch Pippi Lotta

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf feiert heute ihren 70. Geburtstag, trägt noch immer Minikleid und ist das stärkste Mädchen der Welt. Zu ihren Ehren steigt eine Riesenparty in Schweden. Annerkennend muss man zugeben: Die Wirksamkeit der Krummeluspille ist erweisen. Bis heue ist Pippi Langstrumpf kein bisschen Erwachsen geworden.

Pippi Langstrumpf - Pippi Longstocking

Stille Orte: Im Bade

Stille Orte: Im Bade

Jean-Auguste-Dominique Ingre war für mich in der Schulzeit der uncoole Streber, der brav naturgetreu malte, während es bei den Impressionisten bereis wild zuging. Doch als ganz kleines Kind hatte ich ihn gemocht und jetzt beginne ich seine Kunst wieder zu entdecken. Seine Malweise ist akademisch, adrett und passgenau. Lassen wir außer acht, dass Ingres Naturalismus von der Fotografie überholt wurde. Wie kam er auf die Idee, sich so wie auf diesem Bild mit dem Thema Badezimmer zu beschäftigen? Mit einer fast bildfüllenden Rückenansicht. Dass im Hintergrund gerade Wasser in die Wanne läuft, ist eben noch zu erkennen. Und so winzig der Wasserhahn ist, er liefert doch die Begründung dafür, eine nackte Frau abzubilden. Die Intimität des Badezimmers ist heute kein Thema in der Kunst – zu persönlich und kein bisschen politisch. Mit Bildern von Badenden revolutionierte man damals schon nicht mehr die Welt. Aber ich finde Ingres Blick ins Badezimmer schön, weil ich mich in die Perspektive der abgebildeten Frau versetzen kann und seufzend darauf warte, bis das Wasser eingelaufen ist. Dann setze ich mich ins wunderbar duftende Warmwasser und lasse den Schaum fliegen. In solchen Momenten geht es auch ohne Revolutionen.

Ingres_valpincon

Foto: Jean-Auguste-Dominique Ingres, La Baigneuse dite Baigneuse de Valpinçon – Die Badende von Valpinçon, Öl auf Leinwand, 1808, Musée du Louvre, Paris