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Was Girlies können, das schaffe ich gestandene Frau längst. Zunächst habe ich mir die ganzen Fotos auf den MySpace- und StudiVZ-Profilen angesehen. Da stehen sie mit ihren schwarz gefärbten Schräg-Ponys darunter der Sensibelchen-Augenaufschlag und strecken den Arm weit von sich. Die Hand verschwindet in etwa dort, wo das Auge des Betrachters sitzt, denn es handelt sich um Selbstportraits feinsinniger Emo-Seelen.

Qualen und Weltschmerz

Diese Art von Fotos werden selbstverständlich nicht nur von Leuten aus der Emo-Szene gemacht. Aber sie fallen mir eben besonders ins Auge. In Zeiten von Digitalkameras ist das Selbstportrait so einfach geworden wie nie. Und wer kann mich besser fotografieren als ich es tue? Wir haben fast alle schon über Fotos gebeugt vor uns hin geseufzt, weil der Fotograf nicht das zum Ausdruck gebracht hat, was in uns steckt. Wir können das selbst viel besser. Also: Haar glatt kämmen, auf keinen Fall lächeln, das drückt Lebenserfahrung aus und Augen weit auf, das verleiht ihnen Tiefsinn. Doch um die Mundwinkel ist vielleicht ein kleiner Kniff sichtbar, ein Auge schielt rüber zum Spiegel, um zu prüfen, ob auch alles sitzt. Liebe Emos, es ist einfach zu sichtbar, wie schön ihr Euch dabei fühlt. So etwas wie Selbstverliebtheit treibt Euch den letzten Hauch Weltschmerz aus dem Gesicht.

Vincent van Gogh, ein früher Emo

Ich kann das besser, schließlich habe ich mehr Lebenserfahrung auf dem Buckel und kann meine Selbstverliebtheit verstecken: der Frisör färbt eh meine Haare immer viel zu dunkel. Meine beginnende Artrose im Schultergelenk verhindert, dass ich die Kamera ganz entspannt auf meinem ausgestreckten Arm balancieren kann. Was für ein Glück. Dadurch wirkt mein vor Schmerz verzerrtes Emo-Gesicht ganz natürlich. Und ich hatte schon gedacht, das Einlassen auf diese Situation würde mich mental überfordern. Das Gefühl kommt tatsächlich bei mir von innen heraus. Emos und ihre Selbstportraits gibt es übrigens seit Jahrhunderten. Wo das enden kann, haben wir schon gesehen, als sich Vincent van Gogh 1888 sein linkes Ohr abschnitt. Keine Sorge, auch auf meinem nächsten Selbstportrait werde ich zweiohrig sein.

… übrigens stand in Wirklichkeit mein Freund für dieses Foto hier auf einer Trittleiter. Es handelt sich bei der Knipse um eine Spiegelreflexkamera. Das Gewicht bekäme ich nie auf den Fingerspitzen nach oben gewuchtet und zum Drücken des Auslösers hätte mein Zeigefinger etwa 30 Zentimeter lang sein müssen.