Jean-Auguste-Dominique Ingre war für mich in der Schulzeit der uncoole Streber, der brav naturgetreu malte, während es bei den Impressionisten bereis wild zuging. Doch als ganz kleines Kind hatte ich ihn gemocht und jetzt beginne ich seine Kunst wieder zu entdecken. Seine Malweise ist akademisch, adrett und passgenau. Lassen wir außer acht, dass Ingres Naturalismus von der Fotografie überholt wurde. Wie kam er auf die Idee, sich so wie auf diesem Bild mit dem Thema Badezimmer zu beschäftigen? Mit einer fast bildfüllenden Rückenansicht. Dass im Hintergrund gerade Wasser in die Wanne läuft, ist eben noch zu erkennen. Und so winzig der Wasserhahn ist, er liefert doch die Begründung dafür, eine nackte Frau abzubilden. Die Intimität des Badezimmers ist heute kein Thema in der Kunst – zu persönlich und kein bisschen politisch. Mit Bildern von Badenden revolutionierte man damals schon nicht mehr die Welt. Aber ich finde Ingres Blick ins Badezimmer schön, weil ich mich in die Perspektive der abgebildeten Frau versetzen kann und seufzend darauf warte, bis das Wasser eingelaufen ist. Dann setze ich mich ins wunderbar duftende Warmwasser und lasse den Schaum fliegen. In solchen Momenten geht es auch ohne Revolutionen.

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Foto: Jean-Auguste-Dominique Ingres, La Baigneuse dite Baigneuse de Valpinçon – Die Badende von Valpinçon, Öl auf Leinwand, 1808, Musée du Louvre, Paris