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Weihnachtsgeschenk MiG: Manche mögen ’s wild

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Mein Herzallerliebster hat seinen geheimen Weihnachtswunsch in einem sehr schönen Text verarbeitet. Leider fehlt mir das nötige Geld und ihm der robuste Magen dafür.

Was tun, wenn der Ferrari ausgereizt, jeder Achterbahn-Looping befahren, und auch die letzte Schlucht von bestgelaunten Bungeejumpern aus Oer-Erkenschwick in Beschlag genommen wurde und noch reichlich Geld von der letzten Shopping-Tour übrig ist? Ein exklusives Weihnachtsgeschenk findet sich im Osten. Die Luftwaffe der Russischen Föderation hat Möglichkeiten für einen zusätzlichen Nebenverdienst entdeckt. Sie bietet Rundflüge der besonderen Art an. Für etwa 12.000 bis 14.500 Euro kann Frau ihrem Liebling einen Flug schenken, der in den Achtzigern jedem NATO-Geheimdienstler das kalte Kriegerherz gewärmt hätte: Einen Flug mit der Mikoyan-Gurevich 29, kurz MiG 29.

Der Flug des Lebens

Willkommen auf der Luftwaffenbasis SOKOL in Nizhni Novgorod. Ein gut gelaunter Offizier – nennen wir ihn Juri – reicht einen knapp geschnittenen Anti-G-Anzug, klopft aufmunternd auf die Schulter seines westeuropäischen Passagiers und sagt: „ВИДАТЬ СОКОЛА ПО ПОЛЁТУ“. Das heißt soviel wie „Einen Falken erkennt man am Flug“ – es handelt sich um eine alte slawische Weisheit. Aufs Wissen und Können unserer östlichen Nachbarn sollte man sich verlassen wenn Minuten später der Nachbrenner faucht und der frühere Albtraum der NATO-Länder mit Passagier an Bord dem russischen Himmel entgegenschießt. Für „Take my breath away“- Gesumme bleibt kaum Zeit. Bevor die Aussicht genossen werden kann, drückt Juri den Schubregler nach vorn und legt die MiG in eine enge Kurve – erst sechs, dann sieben und schließlich acht G pressen den Abenteuerlustigen in den Sitz. Danach kommen die Rollen. Wieder und wieder dreht sich der rote Falke um seine Achse und die Eingeweide drehen sich munter mit. Kommt zu diesem Zeitpunkt ein wenig Übelkeit auf und man hat das Gefühl, das russische Frühstück drängt es in die Spucktüte, sollten man sich an die Vorabeinweisung auf dem Rollfeld erinnern. Da keine gut gefüllte Spucktüte flugsicher im engen Cockpit deponieren werden kann, muss der eigene Overall als Behältnis dienen. „Bisher hat jeder gekotzt“, lacht Juri in seine Sauerstoffmaske.

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Helden

Die Mikoyan-Gurevich hebt ihre Nase und beginnt einen 45-Grad Steilflug. Am Scheitelpunkt der Parabel klackt die G-Anzeige auf Null – Schwerelosigkeit. Mit mittlerweile lockerem Handgriff vergewissert sich der Passagier, dass der Overall mit seiner Füllung wieder ordnungsgemäß verschlossen ist und genießt ein Gefühl der Leichtigkeit. Der Magen gibt mangels Inhalt Ruhe und jedem dürfte  es mittlerweile egal sein, wo oben und unten ist. Nach 45 Minuten Heldenflug berühren die Räder der MiG wieder sicheren Boden. Ein relaxt lachender Juri überreicht einen frischen Overall, einen Wodka und eine Rohschnitt-DVD mit den besten 8G-Grimassen in 16:9. Zuhause genießen wir dann das Helden-Gekotze in Zeitlupe.

P.S. Mein Freund hat mir folgendes erklärt: Das russische Wort Sokol bedeutet auf Deutsch Falke. Und nach dem Sprichwort ist ein Falke erst als solcher erkennbar, wenn er fliegt, also in Aktion ist. Auf den Menschen übertragen bedeutet dies, man erkennt ihn an seinen Taten.

Fotos: Wikipedia

Ich von links oben

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Was Girlies können, das schaffe ich gestandene Frau längst. Zunächst habe ich mir die ganzen Fotos auf den MySpace- und StudiVZ-Profilen angesehen. Da stehen sie mit ihren schwarz gefärbten Schräg-Ponys darunter der Sensibelchen-Augenaufschlag und strecken den Arm weit von sich. Die Hand verschwindet in etwa dort, wo das Auge des Betrachters sitzt, denn es handelt sich um Selbstportraits feinsinniger Emo-Seelen.

Qualen und Weltschmerz

Diese Art von Fotos werden selbstverständlich nicht nur von Leuten aus der Emo-Szene gemacht. Aber sie fallen mir eben besonders ins Auge. In Zeiten von Digitalkameras ist das Selbstportrait so einfach geworden wie nie. Und wer kann mich besser fotografieren als ich es tue? Wir haben fast alle schon über Fotos gebeugt vor uns hin geseufzt, weil der Fotograf nicht das zum Ausdruck gebracht hat, was in uns steckt. Wir können das selbst viel besser. Also: Haar glatt kämmen, auf keinen Fall lächeln, das drückt Lebenserfahrung aus und Augen weit auf, das verleiht ihnen Tiefsinn. Doch um die Mundwinkel ist vielleicht ein kleiner Kniff sichtbar, ein Auge schielt rüber zum Spiegel, um zu prüfen, ob auch alles sitzt. Liebe Emos, es ist einfach zu sichtbar, wie schön ihr Euch dabei fühlt. So etwas wie Selbstverliebtheit treibt Euch den letzten Hauch Weltschmerz aus dem Gesicht.

Vincent van Gogh, ein früher Emo

Ich kann das besser, schließlich habe ich mehr Lebenserfahrung auf dem Buckel und kann meine Selbstverliebtheit verstecken: der Frisör färbt eh meine Haare immer viel zu dunkel. Meine beginnende Artrose im Schultergelenk verhindert, dass ich die Kamera ganz entspannt auf meinem ausgestreckten Arm balancieren kann. Was für ein Glück. Dadurch wirkt mein vor Schmerz verzerrtes Emo-Gesicht ganz natürlich. Und ich hatte schon gedacht, das Einlassen auf diese Situation würde mich mental überfordern. Das Gefühl kommt tatsächlich bei mir von innen heraus. Emos und ihre Selbstportraits gibt es übrigens seit Jahrhunderten. Wo das enden kann, haben wir schon gesehen, als sich Vincent van Gogh 1888 sein linkes Ohr abschnitt. Keine Sorge, auch auf meinem nächsten Selbstportrait werde ich zweiohrig sein.

… übrigens stand in Wirklichkeit mein Freund für dieses Foto hier auf einer Trittleiter. Es handelt sich bei der Knipse um eine Spiegelreflexkamera. Das Gewicht bekäme ich nie auf den Fingerspitzen nach oben gewuchtet und zum Drücken des Auslösers hätte mein Zeigefinger etwa 30 Zentimeter lang sein müssen.

Tanz für die Tasche

[singlepic=57,320,240,,]Meine Ahnungslosigkeit in Sachen Mode kam zutage, als meine kleine Schwester mich in einen dieser Düsseldorfer Hippness-Läden führte und mir dort ihre Traum-Taschen zeigte. Riesige Vorhängeschlösser zierten die Vorderseiten und ich fragte mich, wen man wohl da dran binden sollte. Meine Schwester sagte, dies seien Taschen der Marke Gregory, Paul und Lucy oder so. (Ich kann mir keine Namen merken.) Das Label sei jetzt angesagt. Zwar war dieser Trend an mir vorbei gegangen, aber ich bin entwicklungsfähig.

Wachsende Zuneigung zu George, Gina & Lucy

Einige Monate später und nachdem ich jetzt mit Kennerblick auf der Straße einige dieser Taschen gesichtet hatte, wünschte ich mir solch ein Stück von George, Gina & Lucy zum Geburtstag. (Jetzt kann ich mir die Namen merken.) Es handelt sich um eine von den Dingern, die meine Mutter immer Postboten-Taschen nennt und in die jede Menge rein geht. Und das wichtigste: es ist eines der wenigen Modelle von George, Gina & Lucy, das kein Vorhängeschloss hat. Bemerkenswert fand ich das Etikett. Dort steht:

If you purchase this bag please
take good care of it! Don’t
let it stand alone in the dark!

Don’t flirt around with other
Bags, it’ll break it’s heart!

And don’t forget to feed it with all your stuff!

… it loves it when you sing. But you can as well dance for it …

Die Super-Tasche

Die neue Tasche von George, Gina & Lucy steht nachts im dunklen immer schön nah bei den anderen Kollegen, die schon länger ihren Dienst bei mir tun. So fühlt sie sich nie alleine. Ich tue so, als hätte ich kein Interesse mehr an anderen Taschen. Gefüttert habe ich sie natürlich auch schon. Nur mit lesenswerten Büchern, Goethe, Shakespeare und so. Mit meinem Gesang schien sie zufrieden gewesen zu sein, mein Gehüpfe, was einen Tanz darstellen sollte, hat sie zur Kenntnis genommen. Und bei mir setzte dafür die Erkenntnis ein, Opfer einer guten Marketing-Strategie geworden zu sein.

Jeden Morgen eine Kröte

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Wenn ich mich morgens unter Ächzen aus meinem Bau schäle, ist es draußen finster und kalt. Deswegen renne ich zielgerichtet in mein winziges Badezimmer und drehe als erstes die Heizung auf, bevor ich unter die heiße Dusche springe. Dann muss ich mich später nicht zitternd unterm Handtuch verkriechen, sobald ich fertig geduscht bin. Es ist schön mollig warm. Doch beim Griff zum Cremetopf im Schrank, kommt die kalte Ernüchterung. Das Geschmiere fühlt sich auf der Haut an, als ob ich mir eine Kröte durchs Gesicht zöge. Ich warte bereits seit Jahren auf eine gute Seele, die für mich selbsterwärmende Hautcreme erfindet. Wenn ich halbwegs faltenfrei durch den Winter kommen will, sollte möglichst bald irgendein Chemiker meinen Wunsch erfüllen. Bitte liebe Kosmetik- und Pharmakonzerne, liebe Chemieriesen und was es noch gibt: erfindet die warme Wintercreme für mein Gesicht. Ich habe keine Lust auf Kröten. Ich entwickle sonst Paranoia. Es quakt aus meinem Badezimmerschrank. Und nein: wenn ich den Cremetopf küsse, schlüpft kein Prinz heraus.

Foto: EstherT/Pixelio

Hühnerpopo

[singlepic=53,320,240,,]Topmodel Naomi Campbell soll einmal auf die Frage, warum sie die Küchenmöbel aus ihrer damals neu bezogenen New Yorker Wohnung hinaus warf, geantwortet haben: Was soll ich mit einer Küche, ich koche ja eh nicht. Frau Campbell funktionierte den Raum, der zum Kochen vorgesehen war, um und ihre Wohnung besaß keine Küche mehr. Das Model lässt sich wohl meist ihr Salatblatt oder die tägliche Gurke vom Lieferservice bringen. Kann auch sein, dass sie ab und zu mal im Bistro an der Ecke ein Radieschen und ein halbes Knäckebrot knabbert.

Auf meine eigene Art und Weise habe ich mir heute einen Naomi-Campbell-Tag gemacht und habe nicht selbst gekocht. Vor unserem Supermarkt steht donnerstags immer ein Hühnchen-Wagen, wo sie den ganzen Tag über Federvieh an großen Spießen rösten. Dort habe ich mir ein halbes Hähnchen gegönnt. Nach dem Auspacken zu Hause erlebte ich den Freuden-Höhepunkt des Tages: meine Augen müssen groß und hungrig ausgesehen haben, als ich vor der Theke des Hühnerwagens stand und meine Bestellung machte. Der nette junge Mann hatte mir die Vogelhälfte mit dem Hühnerpopo gegeben. Geht man jetzt davon aus, dass ein Hühnerpopo mittig sitzt, weil der Vogel ja einen halbwegs symmetrischen Körperbau hat, habe ich also die größere Hälfte bekommen. Das erfüllte mich mit großer Zufriedenheit. So ein Naomi-Campbell-Tag kommt mich teuer zu stehen, da ich nicht über ein Topmodel-Gehalt verfüge, aber zumindest habe ich heute die Hühnchenhälfte mit Popo bekommen.

Schöne Grüße von der Stubenfliege. Sie schwirrt immer noch sehr lebendig durch meine Wohung und macht sich gerade über die Reste meines Essens her.

Foto: © m.gade/PIXELIO

Wenn Schaufensterpuppen nicht mehr wollen

[singlepic=47,320,240,,]Sie arbeiten rund um die Uhr, bekommen keinen Lohn und halten trotzdem still: Schaufensterpuppen. Die französische Compagnie Royal de Luxe hat ein Herz für die ausgebeuteten und beweist mit ihren Installationen in den Schaufenstern des Berliner Kaufhaus des Westens, dass auch Puppen Emotionen haben. In den elf Schaufenstern geht es hoch her. Hinter jeder Scheibe spielt sich ein anderes Schicksal ab. Da hat sich das kleine Mädchen mit seinem Rüschenkleid fein gemacht, um den Großvater auszubuddeln und mit ihm Geburtstag zu feiern. Ein Mann trinkt einen Schluck zu viel Alkohol und versinkt dafür in einer Pfütze. Das Liebespaar muss sämtliche Hindernisse überwinden, um den Weg zueinander zu finden. Aus dem Mund einer Sängerin kullern exzessiv die Liedpassagen, bis sie geknebelt am Boden liegt und keinen Ton mehr von sich geben kann. Dem Spektakel im Schaufenster gibt die französische Theatergruppe den Titel „La Révolte des Mannequins“, auf Deutsch „Der Aufstand der Schaufensterpuppen“.

Sie sind lebendig

[singlepic=48,320,240,,]Das Schaufensterpuppen eigentlich lebendig sind, habe ich schon längst gewusst. Besonders, wenn es in den Kaufhäusern Abend wird und sich die Läden langsam leeren, ist es mir schon oft passiert: Müde von einem Shopping-Tag und ganz versunken ins Befühlen, Erriechen und Besehen der Kleidung an den vielen Bügeln und Ständern, habe ich plötzlich das Gefühl, ich werde beobachtet. Aus dem Augenwinkel erkenne ich eine Gestalt und drehe mich mit einem Ruck zu ihr um. In diesem Moment stehe ich Auge in Auge mit dem ewig gleich lächelnden Gesicht einer Schaufensterpuppe. Ungerührt blicken Kunstharzaugen auf mich herab. Doch sobald ich mich umdrehe und davon gehe, scheinen sie mir hinterher zu blicken.

Von Schaufensterpuppen in den Wahnsinn getrieben

Kein Wunder, dass laut der Compagnie Royal de Luxe schon Menschen von Schaufensterpuppen in den Wahnsinn getrieben wurden. Um 1900 soll so sagt die Truppe ein unbekannter Holländer mit der Herstellung von Schaufensterpuppen begonnen haben, deren Äußeres dem Menschen sehr ähnelte. Er feierte mit seinen Puppen große Erfolge auf der Pariser Weltausstellung. Einige Monate später jedoch, wurde dieser Holländer wahnsinnig und beging Selbstmord. Er hatte zuvor behauptet, dass gelegentlich Tränen über die Gesichter seiner Kreaturen kullerten. Niemand hatte ihm Glauben geschenkt. Für manche sind Schaufensterpuppen Gefangene im eigenen Kunstharzpanzer. Manchmal gelingt es ihnen, daraus auszubrechen und zu zeigen, wie viel in ihnen steckt. Sie werden wie in den Schaufenstern am Berliner Kurfürstendamm zu Aufständischen. La Révolte des Mannequins.

weitere Infos zu „La Revolte des Mannequins“

http://larevoltedesmannequins.blogspot.com/